
Die gängige Praxis in Konfliktlösungsprozessen ist die Beteiligung einer dritten Partei, die nicht betroffen ist von der schwierigen Situation einer seit Jahrzehnten schwelenden Aggression und als Mediator bei der Schaffung einer Agenda fungiert, der eingeschworene Feinde an einen Tisch bringt, um gemeinsam Fortschritte zu erreichen. Die Agenda schließt sowohl Gesprächsthemen als auch Zeit des Zuhörens über die Leiden ein, die eine Partei der jeweils anderen zugefügt hat. In diesem Ansatz steckt viel Logik. Es gibt wenige, aber doch überzeugende Beispiele, wie dieser Ansatz lang währenden Konflikten ein Ende bereitet hat, etwa in Nordirland und in Namibia. Jedoch lassen jüngste Statistiken über Konflikte darauf schließen, dass wir eher mehr Aggressionen schaffen als Lösungen. Vor allem unsere lange Geschichte der Bekämpfung von Extremismus scheint unter unserer Unfähigkeit zur Versöhnung zu leiden. In ihren eifrigen Bemühungen um eine gleichmütige Wählerschaft haben Politiker klare Präferenzen hin zum Einsatz von Waffengewalt. Hauptproblem ist, dass wir nicht verstehen, dass die Aggressionen von heute die Quelle sind, die in Gegenaggressionen für die kommenden Jahrzehnte mündet. So ergibt sich die Frage, wie wir die Gegenparteien zusammen bringen können, die für ihr Überleben, ihre Lebensbedingungen und ihre Träume einen hohen Preis an Schmerz und Blut gezahlt haben. Meine Erfahrung lehrt mich: Bringt sie gar nicht zusammen, sondern werdet sofort und ohne weitere Verzögerung aktiv.
Familien auf beiden Seiten des Konflikts, die unter Enteignung, Vertreibung, Unterdrückung, Erniedrigung, langen Hungersnöten und Ausbeutung, willkürlicher Inhaftierung und Tötung von Müttern und Kindern als von der Gesellschaft ungeachteten Kollateralschäden gelitten haben, können es sich schwerlich vorstellen, jemals mit ihrem Aggressor an einem Tisch zu sitzen. Sollte es doch dazu kommen, wird keiner dem anderen vertrauen, egal wer der Mediator ist oder welche finanziellen oder politischen Fähigkeiten er oder sie mitbringt, um die Parteien zu Verhandlungen über ein mögliches Abkommen zu verleiten. Wann immer es zwei gegnerische Parteien gibt, die zwei unterschiedliche Träume haben, ist es unvermeidlich, den Albtraum der einen – also den Traum der anderen – in einen weiter gefassten Zusammenhang zu setzen und dabei den Schwerpunkt auf die einfachen Lebensgrundlagen zu setzen: Wasser, Nahrung, Obdach und Gesundheit. Wenn es dabei Probleme gibt, ziehe man noch ein weiteres hinzu, für das eine Lösung benötigt wird, und wenn es drei Situationen gibt, die völlig neuer Lösungsansätze bedürfen, umso besser.
Die Strategie, das Kernproblem an den Rand der Lösungsfindung zu schieben, kann unabhängig von einem physischen Treffen der Erzfeinde die streitenden Parteien zu einer friedlichen Lösung bringen. Schnelle, kreative und pragmatische Lösungen für unmittelbare Probleme können von allen akzeptiert werden. Schließlich ist ein Traum viel mehr als eine Unabhängigkeitserklärung. Ein Traum besteht in der Fähigkeit, die Grundbedürfnisse zu befriedigen, vor allem in Bezug auf Wasser, Nahrung, Obdach und Beschäftigung. Daher sollte der erste Schritt eines langwierigen Heilungsprozesses eine Konfliktlösung sein, die schnelle Resultate für dringende Bedürfnisse liefert. Sobald die Hungrigen etwas zu essen haben, die arbeitslosen Jugendlichen einen Job und alle ein Zuhause, kann sich ein Selbstvertrauen entwickeln. Wie sonst sollte man irgendwelche Übereinkünfte auf höherer Ebene erwarten dürfen?
Solange die Konfliktlösung zuerst auf einer Vereinbarung über die Agenda als Voraussetzung für ein Treffen beruht, werden wir nur feindselige Reaktionen und zähe Verhandlungen mit wenig Erfolgsaussichten bekommen. Und auch wenn für jeden Lösungsprozess Geduld gepredigt wird, sollten wir ungeduldig damit sein, Schlüsselprobleme sofort lösen zu wollen. Von Menschen, die über Generationen missachtet und misshandelt wurden, kann man keine Geduld verlangen. Wir wissen alle nur zu gut, dass der Elan der jungen Generation, die ihre Eltern grundlos hat leiden sehen, schneller, sauberer und klarer Resultate im Hier und Jetzt bedarf. Diese Ungeduld sollten wir wertschätzen und die enorme Energie als Voraussetzung für den Erfolg nutzen.
Dieser Beitrag zum Thema der Konfliktlösung wird in einem weiteren Artikel mit einigen konkreten Beispielen und gründlicher Methodik näher ausgeführt, doch die Quintessenz ist einfach: Denke an Wege vorwärts, in denen jeder seine Träume verwirklichen kann, Schritt für Schritt, hier und jetzt. Worte allein werden nie davon überzeugen, dass der einzige Weg, eigene Träume zu verwirklichen, darin liegt, dass der andere einen Traum erreicht, doch Taten werden dies schaffen. Das Erreichen des Besten für eine Partei ist tatsächlich Voraussetzung dafür, dass die andere Partei auch das Beste erreicht. Und wenn zwei Parteien auf dem Weg sind, all ihre Ziele zu erreichen, dann werden diese Erzfeinde andere befähigen, die nicht Teil des Generationen währenden Konflikts waren, auch das Beste zu erreichen. So werden Bedingungen geschaffen, die einen lang währenden Frieden begünstigen.
Ich behaupte zwar nicht, dass dies der einzige Weg ist, um eine friedvolle Gesellschaft zu erreichen, doch die Erfahrung lehrt mich, dass es eine neue Art ist, wie die Dinge von der Wurzel angepackt werden können, um das Vertrauen aufzubauen, dass ein Frieden in unserer Heimat und unseren Köpfen erreicht werden kann, indem die Begeisterung entfacht wird, dass noch mehr getan werden kann – sogar mit dem Feind. Sobald die Gegner wissen, dass sie – nachdem einige Träume erreicht wurden – erst ganz am Ende auf den Feind treffen werden, kann der weitere Friedensprozess schneller als geglaubt auf den Weg gebracht werden. Wir wissen alle, dass Frieden nicht einfach die Abwesenheit von Krieg ist. Was wir nun begreifen sollten, ist, dass Konflikte immer Teil der Wirklichkeit sein werden. Doch wenn ein Konflikt aufkommt, sollten wir ihn als Chance sehen, durch die die Gesellschaften ein höheres Niveau des gemeinschaftlichen Lebens erreichen können, zuerst und vor allem innerhalb der eigenen Kultur, Religion und Sprache.
Gunter Pauli














