
Gunter Pauli - 15.08.2011
Die Wasserknappheit nimmt zu, und damit boomt die Nachfrage nach Wasserrecycling. Doch auch wenn die Wiedergewinnung des Wassers logisch erscheint, ergibt sich das Problem, dass sich weltweit im Trinkwassersystem Medikamente anreichern. Zwar gibt es noch keine genauen Studien über die Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit, doch Tests mit Tieren lassen darauf schließen, dass wir auf eine neue Krise zusteuern. Nach der Aufnahme und Verdauung landen Pharmaka wie Antibiotika und synthetische Hormone zur Empfängnisverhütung in unserem Oberflächen- und Trinkwasser. Noch schlimmer – viele dieser Komposita sind so stabil, dass davon jährlich Tausende Tonnen ins Meer fließen und sich schließlich in den Fischen anreichern, die wir essen. Was die Antibiotika betrifft, vervielfacht sich die Verschwendung noch, denn über 50 Prozent des weltweiten Verbrauchs werden nicht zur Heilung von kranken Menschen eingesetzt, sondern zur Beschleunigung der Rindermast. Und da dachten wir, wir müssten uns nur um die Schwermetalle in den Fischen Gedanken machen.
Es ist bekannt, dass Medikamente Auswirkungen haben auf das Leben im Wasser, und zwar in Bezug auf Reproduktion, Mutationen und Fruchtschädigungen. Durch Prozac beginnen männliche Muscheln zu laichen, Mittel zur Blutdrucksenkung beeinträchtigen die Vermehrung von Krebsen und Krabben. Die Einleitung von Antibiotika und Desinfektionsmitteln erhöht die Resistenz von Bakterien. Dies führt in Zukunft zu Problemen bei der Behandlung von Infektionen. Pharmaka gegen Krebs, die in der Chemotherapie eingesetzt werden, verursachen bekanntermaßen Mutationen und Fruchtschädigungen. In der freien Natur gibt es immer mehr Beweise für Hormonstörungen, auch wenn nur Spuren von synthetischen Hormonen vorhanden sind. Schmerzmittel wie Ibuprofen und sogar Nikotin werden bei der Trinkwasseraufbereitung nicht aus dem Wasser herausgelöst. Und da dachten wir, wir hätten die schädlichen Folgen des Passivrauchens durch ein Rauchverbot in öffentlichen Räumen eingedämmt. Jetzt scheint es, wir alle rauchen trotzdem – durch unser Trinkwasser!
Konventionelle Wasseraufbereitungsanlagen können keine Medikamente aus dem Wasser ziehen. Studien ergaben, dass Koagulation, Sedimentation und Filtrierung nur 10-12 Prozent aller aktiven Inhaltsstoffe entfernen. Diese sammeln sich im Klärschlamm, der oft als Düngerzusatz verwendet und so wiederum unserer Nahrungskette zugeführt wird, womit wir in den kommenden Jahren weiterhin Unheil anrichten. Durch Aktivkohlefiltrierung und Ozonisierung können bis zu 75 Prozent gereinigt werden, doch es bleiben immer noch 25 Prozent. Wenn das Wasser nun kontinuierlich in geschlossenen Kreisläufen weiter recycelt wird und gleichzeitig der Konsum sowohl von verschreibungspflichtigen sowie frei erhältlichen Medikamenten weiter ansteigt, wird unsere Gesellschaft und damit das gesamte Ökosystem, von dem unser Leben abhängt, weiter überhäuft von einem vielfältigen Medikamentencocktail. Wenn nun ganze Teile der Gesellschaft plötzlich unter Stimmungsschwankungen litten oder ihr Sexualverhalten änderten, wäre das gar kein Wunder.
In Philadelphia fanden die Behörden 56 verschiedene Medikamente in aufbereitetem Trinkwasser. Fast 20 Millionen Bewohner Südkaliforniens bekommen ständig Antiepileptika und Beruhigungsmittel. Das abgefüllte Trinkwasser in San Francisco enthält ein synthetisches und schwer abbaubares Sexualhormon. Leider ist dort das in Flaschen erhältliche Wasser einfach gefiltertes Trinkwasser in verschwenderischen Plastikkanistern, und die wenigsten Abfüller scheren sich um enthaltene Medikamente. Auch unsere Filtersysteme zu Hause können Medikamentenanteile nur verringern, nicht aber ganz herausfiltern. Als einzige Rettung bliebe ein eigener Brunnen aus einem eigenen Wasserreservoir. Doch das besitzen wohl nur die wenigsten.
Es ist Zeit, die Gesundheitsversorgung und damit die Forschung nach wirksamen Medikamenten zu überdenken. Ohne Zweifel wird die traditionelle und natürliche Medizin angesichts dieser legitimen Sorgen wichtiger denn je. Die Vision der Verfassung Bhutans, allen Staatsbürgern den Zugang zu traditioneller Medizin zu garantieren, erscheint nun visionär. Solange wir weiterhin bedenkenlos Medikamente in die Umwelt und die Gesellschaft entsorgen, ist es dringend notwendig, der Pharmaindustrie neue Richtlinien für die Haltbarkeitsdauer aufzuerlegen. Ebenso wie es Jahrzehnte gebraucht hat, bis wir gemerkt haben, dass Plastik sich nicht zersetzt, sondern stattdessen riesige Müllinseln im Pazifik bildet, stehen wir nun vor der Erkenntnis, dass sich Pharmaka ebenso wenig zersetzen und überall im Wasser zurückbleiben – mit einem Unterschied: diese die Stimmung beeinflussenden Chemikalien und Chemotherapiereste bleiben unseren Augen verborgen. Es ist schwer, das Ausmaß ihrer Auswirkungen sichtbar zu machen.
Die typische Antwort der betroffenen Wirtschaftszweige ist, dass es keine Belege dafür gibt, dass die Menschen Schaden nehmen könnten. Doch wenn der Beweis erst einmal vorliegt, ist es schon zu spät und die Schadensbegrenzung unmöglich. Tatsächlich ist es nicht die Wirkung eines einzelnen Produkts, sondern der Cocktail, der den irreparablen Schaden verursacht. Daher scheint es, dass gleichzeitig drei Initiativen nötig sind. Zunächst müssen alle Medikamente einen Lösungsmechanismus enthalten, der alle komplexen Verbindungen nach der Einnahme löst. Anstatt nur neue Medikamente und neue Darreichungsformen zu erfinden, muss die Forschung auch Lösungsmittel identifizieren, die diese menschgemachten Moleküle bei Austritt aus dem menschlichen Körper aufbrechen. Als nächstes muss die Wasseraufbereitung so nachgerüstet werden, das sie die Konzentration von Pharmaka im Abwasser messen kann. Es ist unmöglich, dass nun jede Stadt eine Reversosmose-Anlage baut, um effektiv 95 Prozent der Rückstände zu beseitigen. Eine solche Lösung des Aufschiebens bis zum Ende erhöht dramatisch die Kosten, die ein Steuerzahler niemals zu tragen haben sollte.
Schließlich sollten wir uns vielleicht einmal auf die Ursachen konzentrieren, die zu einem solch massiven Pillenkonsum führen. Es ist Zeit, ein glücklicheres und weniger stressbelastetes Leben zu führen. Während die ersten beiden Lösungen nur von verantwortungsvollen Regierungen beschlossen werden können, liegt der dritte Punkt in unseren Händen – wir sollten selbst handeln, bevor es zu spät ist.














